Mißbrauch und Mißhandlung

 

Schaetzungen des Deutschen Kinderschutzbundes besagen, daß 10 % aller Kinder von Ihren Eltern massiv misshandelt werden.
(Schaper 1994) In einer Anhoerung im Mainzer Landtag ( 1989 ) wurde geaeussert, dass jede 4. Frau vor dem 14. Lebensjahr
Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in der Familie gemacht hat.
Nun ist wohl - die Korrektheit dieser Behauptung vorrausgesetzt - kaum davoon auszugehen, daß jede 4. Frau an einer im eigentlichen Sinne
psychischen Stoerung erkrankt. Hieraus ergibt sich zunaechst die Frage, worin ein offenbar dann doch existenter protektiver Faktor besteht.
Ist es das Verhalten des nichtmiißbrauchenden, des anderen Elternteils ?
Oder ist das Alter des Kindes, in dem dieses den Inzest erlebt, ein wesentlicher moment ? Diese Fragen koennen hier
nur aufgeworfen, nicht aber beantwortet werden. Geht es an dieser Stelle doch vielmehr um die pathogenen Auswirkungen von Mißbrauch und Mißhandlung,
deren vorkommen uns regelmaessig in der stationaeren Psychotherapie von
Borderline - Patienten aufgefallen ist.

Zum Zusammenhang von Mißbrauch/Mißhandlung und Borderline - Stoerungen

Zur Problematik von Mißhandlung und Mißbrauch bei Borderline Patientenist auch in fundamentaler Borderline - Literatur
vielfach kein konkreter Hinweis zu finden
Auch nicht bei Kernberg (1978,1990 ) der allerdings ausfuehrt :" Eine derartige Kontaminierung des Vaterbildes durch
urspruenglich nur auf die Mutter projizierte Aggression bei ungenuegender Differenzierung zwischen Vater und Mutter (...)
fuehrt bei Kindern beiderlei Geschlechts haeufig zur Verinnerlichung
einer als ueberaus gefaehrlich erlebten " vereinigten Vater - Mutter - Imago " was widerrum zur Folge hat,dass spaeter alle sexuellen beziehungen
als bedrohlich und aggressiv durchsetzt erlebt werden "
Wenn Kontaminierung mit Mißbrauch und die auf die Mutter gerichtete Aggression mit einem zu geringen muetterlichen Schutz
( gegen Mißbrauch/Mißhandlung ) in Verbindung gebraucht wuerden, beschreibt dieser Satz genau,
was in Inzestopfern vor sich geht.

 

Psychodynamik von Mißbrauch/Mißhandlung

 

Da das Thema Inzest mittlerweile in der Oeffentlichkeit breites Interesse gefunden hat, werden zunehmend auch Aeusserungen pupliziert, die nur bei oberflaechlicher
Betrachtung als lediglich " interessant" zu sehen sind.
Wenn Charlotte Gainsbourg , die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin , oeffentlich bekunden
" Ich finde den Wunsch nach Zaertlichkeit und Naehe, auch nach Sex mit Verwandten, ob Bruder oder Vater, vollkommen natuerlich" ( Herpell 1993 )
so weist dies bei naeherem Betrachten den Weg zur Psychopathologie jener Inzestopfer, die eine kompensierende Form des Umgangs
mit ihrer Geschichte gefunden haben,um nicht an ihr zu zerbrechen.
Nicht ohne Grund wird Mißbrauch von Shengold (1979) als " Seelenmord" charakterisiert.

Eine Fuelle von wechselhaften Faktoren entscheidet darueber, ob der sexuelle Mißbrauch - die koerperliche Misshandlung
eines Kindes ( meist durch einen familienangehoerigen ) zu einer psychischen Stoerung fuehrt, wieschwer diese ist und welche Symptome
dann vorherrschen. Zu nennen sind bspweise das Alter des Kindes zu Beginndes Missbrauch/der MIßhandlung,
Art und Dauer der Handlungen des Taeters,
vor allem aber auch die praetraumatische Persoenlichkeitsentwicklung des Opfers.
Das vielleicht wesentliche Moment ist aber wohl die Qualitaet aller innerfamiliaeren Beziehungen und der Persoenlichkeitsstrukturen der Eltern
und unter Umstaenden Geschwister.
Ein Taeter, der natuerlich auch weiblichen Geschlechts sein kann, vermag sich ausserhalb der Phasen des Mißbrauchs/ der Mißhandlung
durchaus unterschiedlich in der Beziehungsgestaltung zum Opfer ( unabhaengig vom Geschlecht des Kindes ) zu verhalten.
Auch der Partner des Taeters kann sich je nach eigener Struktur und Beziehung zum Taeter mehr oder weniger fuer den Schutz des Kindes einsetzen,
was nicht zuletzt von der Beziehung zwischen dem Kind und eben diesem Partner des Taeters abhaengt.
Gleiches trifft auf eventuell vorhandene Geschwister und alle anderen in der Kernfamilie lebenden Verwandten zu.
Im guenstigsten Fall vermag eine schuetzende Einmischung zum Schutz des Kindes eine Fortsetzung
der traumatisierenden (Un)Taten zu verhindern und somit weiteren Schaden abzuwenden.
Dies geschaehe wohl auch durch rechtzeitiges Einleiten einer Therapie des Kindes,wobei die Bereitschaft zu einem derartigen Schritt
nicht zuletzt abhaengig vom Bildungsstand und - jedenfalls bei Selbstkostenbeteiligung an den Psychotherapiekosten - von der wirtschaftlichen Lage
der Familie sein duerfte.
Mißbrauch und Mißhandlung in der Kindheit werden weniger hinsichtlich der krankheitsspezifischen Symptome
phatognomonisch sein , sondern vielmehr hinsichtlich der Art der beim Kind entwickelten Abwehrmechanismen.
Insbesondere ist hier die Spaltung im Sinne von Kernberg als Abwehrvorgang zur Vermeidung einer Generalisierung von Angst zu nennen.

Spaltung in gute und boese Objektpraesentanzen entsteht bei gravierenden Erfahrungen sowohl von Frustration wie auch Aggression -
ein Vorgang, wie er bei von nahestehenden Personen missbrauchten/misshandelten Patienten allzu verstaendlich sein duerfte.
Kernberg (1978;1990 ) fuehrt zum Mechanismus der Spaltung aus :
" Er dient ebenfalls dem Schutz des Ichs vor Konflikten, aber auf andere Weise, naemlich durch Dissoziation, durch ein aktives
Auseinanderhalten von miteinander im Konflikt stehenden - naemlich einerseits libidinoes determinierten und andererseits aggressiv determinierten
- Introjektionen und Identifizierungen."

Wirdz (1991 ) versteht die langfristigen Folgen sexueller Ausbeutung als chronische Posttraumatische Belastungsstoerung.
Zu deren charakteristischen Symptomen " gehoeren das Wiederbeleben des traumatischen Ereignisses , eine 'psychische Erstarrung ' , die auch als
' emotionale Anaesthesie' bezeichnet wird, und eine Vielzahl vegetativer oder kognitiver Symptome.
Die emotionale Labilitaet, die depressiven Verstimmungen und Schuldgefuehle beeintraechtigen nicht nur alle
zwischenmenschlichen Beziehungen , sondern sie koennen auch zu selbstschaedigendem Verhalten und Suizidhandlungen fuehren."

Zu diesem Thema aeusserte sich Freud bereits vor ueber 80 Jahren (1924) - in anbetracht des Tabucharakters des Problems
Inzest zwar verklausoliert , aber letztlich doch unmissverstaendlich : " die ' Zaertlichkeit' der Eltern und Pflegepersonen , die ihren
erotischen Charakter selten verleugnet ( 'das Kind ein erotisches Spielzeug ' ) , tut sehr viel dazu ,
die Beitraege der Erotik zu den Besetzungen der Ich Triebe beim Kinde zu erhoehen und sie auf ein Maß zu bringen , welches in der spaeteren
Entwicklung in Betracht kommen muss , besonders wenn gewisse andere Verhaeltnisse dazu ihren Beistand leihen. "

Waehrend Freud noch etwas unscharf formolierte hatte dessen Schueler Ferenczi ( 1933 ,1982 ) einige Jahre spaeter
deutlicher auf die tiefgreifende Stoerung des Selbstwertsystems als Inzestfolge hingewiesen.
Er schrieb , dass die " Persoenlichkeitsform des Inzestuoes missbrauchten Kindes nur aus Es und Ueber - Ich bestehe ,
einer persoenlichkeit, " der also die Faehigkeit , sich selbst auch in der Unlust zu behaupten, noch abgeht ,
gleichwie fuer das nicht ganz entwicklte Kind das alleinsein , ohne muetterlichen und sonstigen Schutz und ohne ein erhebliches
Quantum an Zaertlichkeit , Unertraeglich ist " .
Ferenczi macht hier - bereits jahrzehnte vor der Entwicklung der Objektbeziehungstheorie -
auf die Bedeutung der Objektbeziehungen aufmerksam. Er betont , dass mangelnde bemutterung ,
die durch keine andere Bezugspeson kompensiert worden ist die Ursache fuer die Selbstpathologie
des Inzestopfers ist .
Entwicklungspsychologisch wird die Entstehung einer Borderline -Stoerung der Seperations und Individuationsphase ( Mahler, Pine und Bergmann 1975;1978 )
zugeordnet. Waehrend der Seperations und Individulationsphase sollten libidinoese und aggressive Strebungen,
die zunaechst noch mehr oder weniger unverbunden nebeneinander existieren, integriert werden.
Das Kind sei noch hin und hergerissen zwischen Trennungsangst und Sicherheitsstreben, zwischen der Entwicklung der eigenen Autonomie
sowie der Distanz zur Mutter und gleichzeitig dem Wunsch nach inniger Naehe mit ihr.
Also sei die Seperations - und Individuationsphase gekennzeichnet von ausgepraegter Ambivalenz und Ambitendenz.

Das "erfolgreiche" Durchlaufen dieser Phase ist eine Vorraussetzung dafuer, daß sich innere Vorstellungen von sich selbst
wie den Bezugspersonen zu stabilen Groessen, also stabilen Selbst - und Objektrepraesentanzen ausbilden.
Ihre Existenz wirkt als Fundament eines gesunden Selbst und ist damit unverzichtbar zur Entwicklung der Faehigkeit zum Ausbilden von Vertrauen
anderen Personen gegenueber.
Eine Beziehungsfaehigkeit kann ohne stabile Selbst und Objektpraesentanzen nicht entstehen.
Bei Borderline Patienten ist dieser Schritt nicht gelungen , mit der Folge der chaotischen und zwischen den Extremen von Symbiose Wunsch und heftiger Ablehnung
hin und herschwankenden Beziehungsmuster.
Das geringste vermeintliche Fehlverhalten eines Freundes bringt im Borderliner das innere Bild dieses Freundes zum Einstuerzen,
die Idealisierung kippt, und an ihrer stelle treten Entwertung und Hass auf die der Freundschaft nun unwert erlebte Person.

Um die notwendigen EntwicklungsSchritte erfolgreich durchlaufen zu koennen, ist das Kind ganz besonders in der Seperations - und
Individuationsphase auf die Stabilitaet der muetterlichen Liebe und auf positive Spiegelung" durch die Mutter angewiesen.
Auf reales oder Emotionales Verlassenwerden, auf Nichtgesehenwerden und auf fehlende Akzeptanz reagiert das Kind zwangslaeufig mit Enttaeuschung
und Aggression. Insbesondere wenn ein Mißbrauchs-bzw. Mißhandlungstrauma hinzukommt, muss das Kind
an jenen fuer diese Entwicklungsphase typischen Spaltungsmechanismen festhalten, der Schritt der Integration von " gut" und "boese" mißlingt.
" Anstelle der ueberwiegenden Libidinoesen Valenz, "so Schneider und Dulz , " tritt das Vorherrschen aggressiver Triebkomponenten. Aber
je tiefer die Enttaeuschung und der daraus resultierende Hass an der Versagenden Mutter werden , desto vehementer haelt das Kind
am Bild der guten und spendenden , der Symbiotischen Mutter fest. Die Aggression gilt der Mutter der Trennung
die Liebe der Mutter der Symbiotischen Phase. Die Spaltung dieser beiden Mutterbilder persestiert und praegt die spaeteren
Beziehungen nach diesem Muster - auch die zwischen Patient und Therapeut."

Bis zur Entwicklung einer eigenen Reife und Identitaet ist das Kind mit den Eltern identifiziert und Internalisiert deren Haltungen und
Wertvorstellungen. Dieses wird dann auf besonders plastische Weise in momenten sichtbar, indenen ein Kind die Eltern
im Verhalten immitiert. Wenn aber die Beziehung zu den Eltern so tiefgreifend gestoert ist, wie dies im Rahmen einer Athmosphaere von
Mißbrauch bzw Mißhandlung zu Erwarten ist , wird die Ausbildung reifer Introjekte und Abwehrmechanismen gestoert.
Als Folge davon , kann das Kind sich nicht von den fruehen Introjekten befreien. Egal, ob die Mutter oder der Vater
das Kind misshandelt oder missbraucht haben: Sowohl Mutter - als auch Vaterimago sind ambivalent besetzt und bleiben dies im hohen Maße.
Ein Beispiel: Wenn eine " gute " Mutter fuer das Kind - sei es durch persoenliche Defizite hinsichtlich des ausfuellens der Mutterrolle
oder auch auf Grund unvermeidbarer Abwesenheit etwa wegen eines Krankenhausaufenthaltes - nicht verfuegbar ist ,
wendet sich dieses zwangslaeufig dem Vater zu.
Hier sucht das Kind natuerlich eine ausreichende Bemutterung , ein " Mutterersatz" .
Wenn es stattdessen mit grenzverletzender Sexualitaet oder koerperlicher Misshandlung konfrontiert wird,
muss dies traumatisierend wirken.